Die Zahl der Netzanschlussanfragen für große Batteriespeicher in Deutschland steigt ungebremst weiter. Nach einem Bericht von Montel News Ende 2024 lagen die Anfragen der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) bereits bei 161 GW. Wenige Wochen später berichtete pv magazine von 226 GW und rund 650 Projekten. Nun zeigt eine eigene aktuelle Auswertung: Die Summe liegt mit Sicherheit über 500 GW – allein 470,5 GW liegen laut Aussage von sieben Netzbetreibern vor. Auf ÜNB-Ebene hat sich die angefragte Leistung auf 259 GW erhöht.
Aufschlüsselung der aktuellen Zahlen
Die Anfragen verteilen sich wie folgt:

| Gebiet | ÜNB (GW) | VNB (GW) | Gesamt (GW) | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Tennet | 52 | 105 | 157 | TenneT Positionspapier |
| 50Hertz | 103 | 46,5 | 149,5 | PV Magazin, Vortrag E.DIS, Energate |
| Amprion | 86 | 60 | 146 | Amprion, Westnetz |
| TransnetBW | 18 | Unbekannt | 18 | Energate |
| Summe | 259 | 211,5 | 470,5 | – |
Einzelne von den VNB gemeldete Anfragen sind bereits in den Zahlen enthalten: EDIS (39,5 GW), Westnetz (60 GW) und Mitnetz (7 GW).
Zum Kontext: Die deutsche Spitzenlast liegt aktuell bei etwa 75 GW. Bis 2030 plant die Bundesregierung rund 400 GW Erneuerbaren-Leistung: 215 GW Solar, 115 GW Onshore-Wind und mindestens 30 GW Offshore-Wind. Vor diesem Hintergrund ist die angefragte Speicherleistung unrealistisch hoch und wird auch in absehbarer Zeit nicht benötigt.
Falsche Anreize im Netzanschlussverfahren
Der Grund für die Anfragenflut liegt im aktuellen Netzanschlussverfahren, das die falschen Anreize setzt:
- First come, first served: Wer als Erster beantragt, sichert sich einen Platz im Netz. Entwickler melden deshalb riesige Kapazitäten an, um sich Optionen offen zu halten – unabhängig von der Realisierbarkeit.
- Keine ausreichende Vorprüfung: Viele Anfragen sind spekulativ. Sie blockieren Netzkapazitäten, die ernsthafte Projekte nutzen könnten.
- Hoher Bearbeitungsaufwand: Netzbetreiber stehen vor einem Wust an Projekten, die wahrscheinlich nie gebaut werden. Das verlängert die Verfahren zusätzlich.
Das aktuelle Verfahren ist daher nicht geeignet und muss grundlegend reformiert werden. Andernfalls droht die Energiewende durch Speicher potenziell ausgebremst zu werden. Zudem entsteht erhebliche Rechtsunsicherheit, die nicht nur Batteriespeicherprojekte, sondern auch andere Netzanschlusspetenten – etwa EE-Erzeugungsanlagen, Ladesäulen oder Rechenzentren – behindert.
Vorschläge für ein besseres Verfahren
Um den dringen nötigen Speicherzubau zu ermöglichen und Fehlanreize im Netzanschlussverfahren zu beseitigen, gibt es folgende Ansätze:
- Schnelle Netzanschlussprüfung: Ein gutes Beispiel ist der Onlineservice von Mitnetz (SNAP). Dort können Projektierer mit wenigen Angaben prüfen, ob ein Netzanschluss am Wunschstandort grundsätzlich möglich ist und wo der nächste Anschlusspunkt liegt. Eine solche unkomplizierte Vorprüfung könnte deutschlandweit eingeführt werden, um frühzeitig Klarheit für Entwickler zu schaffen und die Anfragenflut zu reduzieren.
- Reservierungsgebühren und eigene Verordnung für Speicheranschlüsse: Ein transparentes, einheitliches Verfahren zur Reservierung von Netzanschlusskapazität – inklusive klar geregelter Reservierungsgebühren, Baukostenzuschüsse und Fristen – könnte Spekulationen eindämmen und Investitionssicherheit schaffen. Eine eigene Batteriespeicher-Netzanschlussverordnung wäre ein sinnvoller Rahmen.
- Reform der Netzentgelte: Im Rahmen der AgNes-Festlegung sollten flexible und dynamische Netzentgelte etabliert werden. Damit würden netzdienliches Verhalten und Flexibilität belohnt, während Speicher in die Interessenlage der Netzbetreiber eingebunden werden. So ließe sich ein nachhaltiger, netzorientierter Speicherausbau sicherstellen.
- Digitalisierung & zentrale Plattform: Ein bundesweit einheitliches Online-Portal für Netzanschlussanfragen mit klaren Schnittstellen und Statusverfolgung könnte Verfahren erheblich beschleunigen und transparenter machen.
- Kapazitätsauktionen und Priorisierung: Bei Engpässen könnten Kapazitäten versteigert oder nach klaren Kriterien priorisiert werden – etwa nach Projektreife, Standortnähe oder Systemdienlichkeit. So würden seriöse und systemrelevante Projekte Vorrang erhalten.
Umgang mit bestehenden Anfragen
Auch mit einem reformierten Verfahren stellt sich die Frage, wie mit den bereits vorliegenden hunderten Gigawatt an Anfragen umzugehen ist. Mögliche Ansätze sind:
- Einmalige Bestandsprüfung: Netzbetreiber könnten eine standardisierte Machbarkeitsprüfung durchführen. Unrealistische oder technisch nicht umsetzbare Projekte würden gestrichen.
- Options- oder Warteliste: Bestehende Anfragen könnten in eine transparente Liste überführt werden, sortiert nach Kriterien wie Reifegrad, Systemnutzen oder Antragszeitpunkt.
- Reservierungsgebühren rückwirkend: Übergangsweise könnten auch für bestehende Reservierungen eine Gebühr erhoben werden. Ernsthafte Projekte bleiben, spekulative verschwinden.
Fazit
Die über 500 GW an Netzanschlussanfragen sind kein realistischer Indikator für den Markthochlauf von Batteriespeichern, sondern Ausdruck eines fehlgeleiteten Genehmigungssystems. Statt mit immer größeren Zahlen zu jonglieren, braucht es ein transparentes, priorisiertes Verfahren, das Projekte mit echtem Realisierungshorizont bevorzugt.
Um dies zu erreichen, sind Reformen nötig: eine stärkere Digitalisierung bei den Netzbetreibern und den Antragsverfahren, verbindliche Zeitfenster für Rückmeldungen, transparente Reservierungsgebühren, flexible Netzentgelte sowie – bei Engpässen – Kapazitätsauktionen und eine Priorisierung nach Projektreife. So lassen sich Rechts- und Investitionssicherheit schaffen und die dringend erforderlichen Projekte realisieren.
Ich freue mich über Rückmeldungen und eine offene Diskussion: Welche Reformen haltet ihr für sinnvoll, und wie sollte mit den bestehenden Anfragen umgegangen werden?
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