Der Marktmachtbericht 2023/24 des Bundeskartellamts zeigt eindrucksvoll: Die positive Sekundärregelreserve (aFRR) in Deutschland ist nach wie vor fest in der Hand einer einzigen Technologie – und weniger Anbieter.
Im Durchschnitt stammen 92 % der positiv präqualifizierten aFRR-Leistung aus Pumpspeicherkraftwerken. Auch bei negativer aFRR liegt ihr Anteil bei 84 %. Was auf den ersten Blick nach technologischem Vorsprung aussieht, wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf – insbesondere in Bezug auf Marktkonzentration und die Rolle von Batteriespeichern (BESS).
Technologisch bewährt, strategisch flexibel
Pumpspeicher gelten als Klassiker im Regelenergiemarkt: hohe Leistung, große Kapazität, schnelle Reaktionszeit. Viele Anlagen können 8–12 Stunden Energie bereitstellen – ein Vorteil bei lang andauernden Aktivierungen.
Hinzu kommen etablierte Prozesse, geringe variable Kosten und strategische Positionierungen in Netzengpassregionen. Doch all das erklärt nur zum Teil, warum sie heute so dominant sind.
Keine Nullkosten – aber geringe Opportunität
Auch Pumpspeicher haben Kosten – vor allem Opportunitätskosten: Während der Teilnahme an aFRR können sie ihre Flexibilität nicht für den Stromhandel nutzen. Je größer die Preisunterschiede am Strommarkt, desto teurer ist diese entgangene Arbitragemöglichkeit.
Anders gesagt: Je höher der Spread im Day-Ahead- oder Intraday-Markt, desto höher der Preis für Regelleistung – selbst bei emissionsfreien und abgeschriebenen Anlagen.

Die Grafik aus dem Marktmachtbericht zeigt, dass über 90% der Leistung in der positiven aFRR von Pumpspeichern vorgehalten wird. Batteriespeicher und konventionelle Erzeuger wie Gas und Braunkohle spielen fast keine Rolle.
Batteriespeicher: Technisch überlegen, aber limitiert durch Energieinhalt
Moderne Batteriespeicher haben viele Vorteile:
- Sehr hohe Regelgüte,
- Reaktionszeiten im Sekundenbereich,
- Wirkungsgrade von bis zu 95 %.
Aber: BESS haben typischerweise nur 1–2 Stunden Kapazität. Um die Anforderungen für vier Stunden aFRR-Vorhaltung zu erfüllen, müssen sie ihre gebotene Leistung begrenzen, um im Notfall eine vollständige Aktivierung abdecken zu können.
Im Unterschied zu PSW verlieren sie dabei jedoch weniger Handelsoptionen, da sie ohnehin nur kurze Arbitragefenster nutzen könnten. Das heißt: Ihre Opportunitätskosten in der Vorhaltung sind meist geringer als bei Pumpspeichern. Und bei richtiger Bepreisung könnten sie – trotz kürzerer Haltefähigkeit – preislich unter PSW liegen.
Fazit: 2h-BESS sind gut geeignet für aFRR – und wettbewerbsfähig, wenn sie intelligent vermarktet werden.
⚠️ Marktkonzentration: EnBW und illwerke vkw dominieren den aFRR Mark
Der eigentliche Knackpunkt liegt weniger in der Technologie – sondern in der Anbieterstruktur. Denn laut Bericht liegt der durchschnittliche Anteil an der tatsächlich bezuschlagten Vorhaltung in der positiven aFRR bei:
- 25–30 % für EnBW allein,
- zusammen mit der illwerke vkw AG bei 50–60 % – bei nahezu allen Zeitscheiben.
Die illwerke vkw betreiben selbst große Pumpspeicherkraftwerke, deren Einsatz von EnBW gesteuert wird. Damit agieren beide Unternehmen faktisch als Einheit – mit einem dominanten Einfluss auf die Leistungspreise im aFRR-Markt.

Das Bundeskartellamt vermeidet eine direkte Aussage zur Marktbeherrschung, stellt aber fest: Eine solche Konzentration ist wettbewerblich auffällig und wird „weiterhin beobachtet“. In dem Kontext gab es vor zwei Jahren bereits eine Durchsuchung durch die Staatsanwaltschaft bei ENBW. Auf meine Anfrage beim Kartellamt zum aktuellen Stand konnte man „aufgrund des laufenden Verfahrens keine weiteren Informationen geben“.
Mehr Batteriespeicher = weniger Preismacht?
Ein zunehmender Anteil an Batteriespeichern könnte die Situation verändern:
- Mehr Anbieter bedeutet mehr Wettbewerb in der Auktion,
- und ein geringerer Anteil an bezuschlagter Leistung pro Anbieter verringert die Möglichkeit zur strategischen Preisbildung.
Das wäre nicht nur für Projektierer und Betreiber von Speichern relevant – sondern auch für Verbraucher und Systemverantwortliche. Denn mehr Liquidität = mehr Wettbewerb = stabilere Preise.
Fazit
Die Dominanz der Pumpspeicher im aFRR-Markt ist kein Zufall – sie ist das Ergebnis von physikalischen Vorteilen, historischen Strukturen und klaren Anbieterpositionen. Doch die technologischen Karten werden neu gemischt: Batteriespeicher haben heute schon die Fähigkeiten, den Markt zu verändern.
Was sie brauchen:
- klare Marktbedingungen,
- schnelle Präqualifikation,
- und eine strategisch durchdachte Vermarktung.
Dann könnten in den nächsten Jahren aus neuen Teilnehmern echte Gegengewichte zur bestehenden Marktmacht werden – und die Preisbildung auf eine breitere Basis gestellt werden.