Im letzten Jahr gab es einige spannende Entwicklungen bei der Harmonisierung der europäischen Regelenergiemärkte. Das europäische Projekt PICASSO, das die Plattform für die koordinierte Beschaffung von Sekundärregelleistung (aFRR) bildet, ist deutlich gewachsen. Der ursprüngliche Zeitplan für die Beitritte der verschiedenen Übertragungsnetzbetreiber (TSO) hatte sich zwar mehrfach verschoben – so war beispielsweise der Beitritt von RTE (Frankreich) fast zwei Jahre später als geplant – doch im vierten Quartal 2024 und in den ersten Monaten 2025 hat sich einiges getan.
Im Einzelnen traten folgende TSOs dem PICASSO-System bei:
Energinet (Dänemark) und TenneT NL (Niederlande) am 18. Oktober 2024
SEPS (Slowakei) am 11. November 2024
Elia (Belgien) am 28. November 2024
ESO (Bulgarien) am 13. Februar 2025
Litgrid (Litauen) am 5. März 2025
IPTO/ADMIE (Griechenland) am 20. März 2025
Fingrid (Finnland) am 28. März 2025
RTE (Frankreich) am 4. April 2025
AST (Lettland) und Elering (Estland) am 11. April 2025
Damit sind inzwischen 17 von 22 PICASSO-relevanten Ländern aktiv an der Plattform beteiligt. Die Liquidität im aFRR-Energiemarkt hat dadurch deutlich zugenommen, was sich positiv auf die Effizienz und Preisbildung auswirkt.

Auswertung für Deutschland zeigt deutlichen Rückgang der Abrufkosten
Ein Blick auf die Marktdaten für Deutschland bestätigt die Erwartungen: Nachdem Italien am 15. März 2024 den aFRR-Markt verlassen hatte, stiegen die sogenannten Spreads – der durchschnittliche Unterschied zwischen positiven und negativen Abrufpreisen – von etwa 90 €/MWh auf rund 140 €/MWh an. Dies spiegelte die reduzierte Liquidität und die damit einhergehende geringere Wettbewerbsintensität wider. Nach dem Beitritt von TenneT NL und Energinet am 18. Oktober 2024 sanken die Spreads wieder deutlich auf rund 60 €/MWh (Zeitraum Oktober 2024 bis April 2025).
Die Entwicklung lässt sich in den tagesgenauen Daten der aFRR-Abrufspreads sehr deutlich nachvollziehen. Die folgende Grafik zeigt den Verlauf der durchschnittlichen Spreads über die Zeit. Der Einfluss des italienischen Marktaustritts sowie die anschließende Marktberuhigung durch den Beitritt von Energinet und TENNET NL sind klar ersichtlich.

Die Integration neuer Marktteilnehmer hat somit die Markteffizienz wie erhofft erhöht und zu einem spürbaren Rückgang der Abrufkosten geführt.
Effekt auf Speichererlöse
Batteriespeicher, die in der aFRR-Vermarktung aktiv sind, spüren diese Veränderungen direkt: Die sinkenden Spreads bedeuten, dass die Erlöse aus der Differenz zwischen positiven und negativen Abrufen geringer ausfallen. Während in Phasen hoher Spreads attraktive Arbitragemöglichkeiten bestanden, erfordert der aktuelle Markt eine noch präzisere Optimierung der Speicherfahrweise und eine Kombination mit anderen Erlösströmen (z.B. Energy-Only-Markt oder weitere Regelleistungsprodukte), um weiterhin wirtschaftlich zu bleiben.
Der RWTH Erlös Index zeigt bei Betrachtung der aFRR-Energy Erlöse, dass die monatlichen Umsätze für ein typisches zweistündiges Batteriespeichersystem zwischen im März 2024 durch den Austritt Italiens um über 100% gestiegen sind und anschließend im November 2024 um über 50% zurückgegangen sind.
Dieser drastische Einbruch verdeutlicht, wie stark die zusätzliche Marktliquidität die Erlösstrukturen verändert hat. Besonders betroffen sind Anlagen, die sich ausschließlich auf die Vermarktung von aFRR konzentrieren. Künftig wird es entscheidend sein, dass Speicherbetreiber ihre Anlagen flexibler einsetzen, etwa durch verstärkte Teilnahme an Energy-Only-Märkten, am Intraday-Handel oder über Kombinationsprodukte (z.B. zeitgleiche Bereitstellung von aFRR und mFRR). Nur so kann trotz sinkender Einzelerlöse eine robuste Gesamtstrategie aufgebaut werden, die langfristig tragfähige Wirtschaftlichkeit sicherstellt.
Fazit
Insgesamt zeigt sich: Die europäische Integration über PICASSO schreitet nun spürbar voran und bringt die gewünschte Effizienzsteigerung. Speicherbetreiber und andere Marktteilnehmer müssen sich allerdings auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen und ihre Strategien entsprechend anpassen.
Hallo Herr Schäfer,
mit großem Interesse lese ich seit geraumer Zeit die aus meiner Sicht immer hervorragenden Zusammenfassungen über das Geschehen an den Regelenergiemärkten.
Jetzt habe ich aber doch mal eine Frage:
Können Sie mir erläutern, wie ich in der Graphik „Annualisierter Umsatz“ die Einheit „Tsd. €/MW/a“ interpretieren muss. Was hat diese Einheit bei einem Tagesumsatz für einen Hintergrund?
Gruß Mike Kalmring
Hallo Mike,
die Grafik kommt aus dem Index der RWTH und dort sind die Speichererlöse in Tsd. €/MW/a aus den verschiedenen Märkten dargestellt. Die Grafik zeigt, dass der Umsatz aus dem aFRR Energy Markt in dem Zeitraum zurückgegangen ist.
VG Christian